2 Gemeinsam draussenAuch Shakespeare hätte darauf wohl momentan keine Antwort. Kämpfen und Immunsystem, Kreislauf und Lungen durch Radfahren trainieren oder die gegenwärtigen Plagen und Unannehmlichkeiten ertragen und aussitzen. Das Problem formulierte er schon vor 400 Jahren. Klar ist, dass Radfahren trainiert, entspannt und gut gegen Lagerkoller ist.  Weniger klar sind die Infektionsrisiken, denen man sich damit möglicherweise aussetzt. Hier der Versuch einer Einschätzung für den Radfahrer. Mehr….

Die extrem rapide weltweite Ausbreitung des Corona-Virus macht Formen von Tröpfchen-Übertragungen wahrscheinlich. Nur durch sogenannte ´Schmierinfektionen´, also Übertragungen an Oberflächen von Gegenständen wie z.B. Tür- oder Fahrradgriffen ist die Verbreitung kaum erklärbar. Bekannt ist, dass Menschen nicht nur durch Husten und Niesen, sondern auch beim Sprechen und Atmen, Flüssigkeitströpfchen bzw. beim Sprechen und Atmen kleinste Flüssigkeitsteilchen die sog. Aerosole in Ihre Umgebung abgeben. Jeder ist von einer Aerosol Aura umgeben. Die kleinsten Teilchen schweben länger in der Luft als die größeren, die z.B. beim Nielsen ausgestoßen werden. Wie lange und wie weit sie schweben ist nicht bekannt. Und, wichtig, in geschlossenen Räumen schweben die Aerosole länger als im offenen. Geschlossene Räume mit vielen Menschen und wenig Belüftung bieten ideale Übertragungsmöglichkeiten. Einige, wenn nicht gar alle, der identifizierten zentralen Übertragungs-Spots (Karneval in NRW oder après Ski in Ischgl) entstanden wohl genau in solchen Atmosphären. Wir reden hier nicht über Kneipenbesuche, sondern über das Radfahren. Aerosole gibt es natürlich auch in der Natur. Virusbestandteile (im Wesentlichen deren genetisches Material) sind in Aerosolen nachgewiesen. Allerdings gelingt es bisher nicht, die Infektiosität dieser Partikel nachzuweisen. Es lassen sich weder Kulturen anlegen noch Tiere experimentell infizieren. Das gelingt aber auch mit Abklatschen nicht, die man von Türgriffen oder anderen Oberflächen genommen hat oder mit Luftproben die aus der Abluft von Corona Krankenstationen in Krankenhäuser gewonnen hat. Aber Absence of Evidence heißt nicht Absence of Effect. Soll heißen: auch wenn der Effekt nicht nachgewiesen ist, heißt das nicht, dass er 100 prozentig ausgeschlossen werden kann.  Das Robert Koch Institut in Berlin schreibt, Stand 13.4.2020: Eine Übertragung von SARS-CoV-2 über Aerosole (in der Luft schwebende Tröpfchenkerne kleiner als 5 Mikrometer) im normalen gesellschaftlichen Umgang kann nicht ausgeschlossen werden. Dies kann zum jetzigen Zeitpunkt jedoch noch nicht abschließend beurteilt werden, da die Ergebnisse von ersten Untersuchungen hierzu nicht eindeutig sind. (https://www.infektionsschutz.de/cv/coronavirus/fragen-und-antworten/ansteckung-und-krankheitsverlauf.html  Vor diesem Hintergrund sind zwei Maßnahmen zum Schutz von Infektionen sehr plausibel: Abstand halten immer, innen wie außen und Mundschutz tragen, wenn Abstand in geschlossenen Räumen wie Bahn und Bus nicht möglich ist. 

Was heißt das nun für das Radfahren? Die erste Antwort ist klar: Abstand halten. Macht eigentlich keine Probleme: außer beim Fahren im Windschatten, auf dem Tandem oder bei Engpässen auf dem Radweg. Windschattenfahren sollte unterbleiben, Tandempartner sollten aus dem gleichen Haushalt stammen und an Engpässen, z.B. den beliebten Schafgattern an Deichstrecken, sollte man in diesen Zeiten lieber unhöflich sein und die Pforte hinter sich zuschlagen lassen. Der ADFC empfiehlt den kontrollierten Gebrauch des Fahrrades: Radfahren bleibt erlaubt, nur beliebte Routen und Ziele sind zu meiden, am besten ist das eigene Zuhause Start und Ziel. Also, um auf Shakespeare zurück zu kommen, eher nicht die Plage passiv ertragen, sondern aktiv bleiben. Irgendwo muss man schließlich Luft atmen, auf dem Sofa ebenso wie draußen auf dem Fahrrad.

Kleiner historischer Exkurs:

„Zur Erregerübertragung durch die Luft gibt es wenig rationale Konzepte seit dem Mittelalter. Miasmen, entstanden aus festen Erdspalten, Sümpfen, auch Ausatmen, aus allem was zu feucht und zu warm war, wurden als Überträger von Erregern identifiziert. Bereits im 14. und 15 Jahrhundert wurden mäßige Leibesübungen um warme Körpersäfte durch Schwitzen zu reduzieren von Valescus de Taranto (Arzt) empfohlen. Um dabei das Einatmen verpesteter Luft, also der unbeliebten Miasmen, zu vermeiden, empfahl ein Herr Gentile de Foligno (1348) Sportübungen in geschlossenen Räumen vorzunehmen.“ (aus: K. Bergdolt, Die Pest, Geschichte des schwarzen Todes, Verlag Beck, München, 2006)

Heute reden wir nicht mehr von Miasmen sondern von Aerosolen. Auch wissen wir, woher die kommen. Aber mir scheint, was deren Potential, Erreger zu übertragen betrifft, haben wir auch noch nicht das Ende der Erkenntnis erlangt.

Andreas Haemisch 13.4.2020