(bb) Wenn Sie eine Autobahnbrücke herunterfahren und nicht beschleunigen, ohne Gegenwind, dann fahren Sie vielleicht auf einem O-Bike. Haben Sie es mitbekommen? Viele Tausend nagelneue Fahrräder wurden in Hamburg ganz plötzlich verkauft, weil das Bike-Sharing-Unternehmen insolvent ist. In München stehen sie sogar verteilt in der Stadt herum, ungenutzt, herrenlos und ohne Eigentümer.

Ich war neugierig und habe es gewagt, ein O-Bike zu kaufen. Natürlich war das ein Schnäppchen. 69 Euro sind wahrlich nicht viel für ein verkehrstüchtiges Fahrrad. Verkehrstüchtig heißt, das Rad hat eine gut funktionierende Lichtanlage, auch wenn die Einstellung der Frontscheinwerfers konstruktiv schnell an Grenzen, sprich, an den Fahrradkorb, stößt. Das Licht ist hell und die Ausleuchtung vorne besser als bei vielen anderen Lampen. Dass es keinen Schalter gibt, stört nicht. An meinem „guten Rad“ habe ich einen Schalter und benutze ihn fast nie. Allerdings, weder vorne noch hinten gibt es ein Standlicht.

Verkehrstüchtig heißt auch, das Rad hat alle vorgeschriebenen Reflektoren, nur der nach hinten ist extrem klein, im Rücklicht integriert, und nicht von überall sichtbar. Verkehrstüchtig heißt weiter, das Rad hat zwei separate Trommelbremsen.

Dazu kommt noch, das Rad hat eine tolle Klingel. Sie ist wie der Drehgriffschalter einer Gangschaltung rechts angeordnet und funktioniert auch so. Einmal drehen: Rrriinghh, vor und zurück, Rrriinghh-Rrriinghh. Der Ton ist nicht so klar wie gewohnt und schnell verhallt, da die Aufhängung sehr großflächig ist. Auch kann die Klingel versehentlich betätigt werden, wenn man kräftig am Lenker ziehen muss oder versucht, zu schalten. Aber die Idee als Drehgriff finde ich trotzdem toll.

Hier kommt der nächste Punkt zum Vorschein, die Schaltung. Es gibt gar keine. Sozusagen ein Single-Speed, allerdings mit Freilauf. So kann eine Schaltung auch nicht kaputt gehen.
Was wirklich nie kaputt gehen kann, sind die Reifen. Ein Schlauch fehlt, der „Mantel“ ist voll ausgefüllt mit Kunststoff. Ein „Vollgummireifen“, auch wenn es chemisch kein Gummi ist. Diese Eigenschaft macht das Fahrrad interessant. Es ist bei den Reifen also Splitter-, Nagel- und Vandalismussicher. Wer wünscht sich das nicht? Genau deswegen wollte ich es ausprobieren.

Der Kunststoff lässt sich mit dem Daumen leicht eindrücken und „federt“ sofort zurück, nein, er beult wieder aus. Um es kurz zu machen: Die innere Reibung ist so hoch, dass der Widerstand der Reifen immer spürbar ist. Bei mir sind mehr als 90 kg zu bewegen. Je schwerer, desto mehr Reibung. Wer jede Fahrt als Training und Herausforderung angeht, kann damit leben und seine Fitness fördern. Ansonsten macht das Fahren über lange Strecken oder bergan keine Freude. Die 1,5 km zum Bahnhof lasse ich mir noch gefallen und genieße den „heilen“ Reifen, wenn ich abends nach Hause fahre. Alle weiteren Strecken mit dem O-Bike lasse ich stecken. Da freue ich mich um so mehr auf das „gute Rad“. Der Kontrast zum O-Bike lässt mich immer wieder lächeln, wenn ich fast reibungslos dahinrolle.

Sonst noch etwas?

  • Die Bremsen funktionieren. Die Bremswirkung ist mit Hydraulikbremsen oder mit Bremsscheiben natürlich nicht zu vergleichen. Als ich – das ist schon lange her – mit dem Fahrrad aufwuchs, war die Bremswirkung in der Regel allerdings noch schlechter als bei diesen Trommelbremsen. Trotzdem, heute ist mit wenig Geld eine bessere Bremswirkung möglich und sollte Standard sein.

  • Die Pedale sind breit und aus Kunststoff; diese Minimumqualität gibt es auch bei Schnäppchen im Fachhandel.

  • Der Fahrradkorb vorne ist sehr praktisch, immer alles im Blick. Er macht einen soliden Eindruck.

  • Einen Gepäckträger hinten gibt es nicht. Der Korb vorne ist der Ersatz. Er ist aber kein Ersatz, wenn gerne gute Fahrradtaschen genutzt werden.

  • Der Lenker ist breit und an sich ist alles in Ordnung. Das zusätzliche Gewicht im Fahrradkorb stört jedoch die Lenkbewegungen. Aber allein schon das eigene Gewicht hat Einfluss auf die Lenkung, da die Reifen einbeulen und eine lange Auflagefläche bilden, quer zur Lenkbewegung.

  • Der Sattel ist in der Höhe flexibel einstellbar. Allerdings für asiatische Mitmenschen ausgelegt. Ich messe 193 cm, und der Sattel ist auch in der höchsten Stellung hoffnungslos zu tief. Wenn ich in der Sattelstütze die Sperre nach oben nicht wegbekomme, mache ich mir auf Dauer die Knie kaputt.

  • Der Sattel selbst ist nichts Besonderes, eher hart und auch breit. Aber ich finde nichts auszusetzen. Was ich toll finde, ist der Griff unter dem Sattel. Damit lässt sich das Rad sehr gut manuell manövrieren. Ich werde mir den Sattel an mein Faltrad bauen, dann lässt es sich viel besser tragen.

  • Die Schutzbleche sind aus Kunststoff und tun wahrscheinlich ihren Dienst (es hat noch nicht geregnet), obwohl sie von den Abmessungen her minimalistisch ausgeführt sind.

  • Der Kettenschutz ist fast durchgängig umschließend. Das ist sehr sauber und verschleißarm. Warum hinten eine Lücke offen gelassen wurde, kann ich mir nicht erklären. Die Lücke ist unnötig.

  • Der Fahrradständer am Hinterrad ist normal gut.

  • Eine Bedienungsanleitung? Gibt es nicht. Ist bei Bike-Schäähring auch nicht vorgesehen, allenfalls gibt es online ein paar Hinweise. Der QR-Code auf einem aufgeschraubten Metallschild ist gut lesbar, aber ein Nutzen erkenne ich natürlich nicht mehr.

  • Werkzeug? Hat doch jeder zu Hause! Diesmal leider falsch. Es werden mehrere unterschiedliche Schrauben verwendet. Normale 6-Kant-Muttern, dann aber auch Torx-Schrauben. Die setzen sich ja langsam durch. Die Krönung sind die Radmuttern mit 5 Außenkanten und die Lenkerbefestigung mit wieder anderen Sonderschrauben. Das ist für Bike-Sharing als Diebstahlschutz vielleicht sinnvoll. Für Eigentümer ist das ein K.O.-Kriterium. Dieses Sonderwerkzeug gibt es nicht an jeder Ecke zu kaufen. Im Fahrradhandel wahrscheinlich auch nicht. Damit fällt die eigene Wartung und Reparatur weitgehend aus.

  • Ersatzteile? Diese Frage wage ich nicht zu beantworten. Was, wenn der Reifen kaputt geht, nicht platt, sondern reißt oder verschlissen ist? Großes Fragezeichen! Passt ein normaler Mantel auf die Felgen? Keine Ahnung. Die Felgen haben kein Loch für ein Ventil.

Mittlerweile bin ich auf 4 verschiedenen O-Bikes gefahren. Bei zwei Rädern machte die Kette leichte Geräusche, bei einem (von vier) schleifte die Vorderradbremse nicht. Bei einem Rad quietschte die Bremse vorne, weil Stahl auf Stahl drehte. Die Ursache habe ich noch nicht ergründet, werde die Bremse aber mal auseinander nehmen.

Ob das Rad die nächste Zeit und den Winter besteht, wird sich zeigen. Die Erfahrung werde ich jetzt machen. Ob das O-Bike eine Zukunft hat, lasse ich offen. Auch wenn „hohe Herren“ den Verkauf verboten haben und vor den schlechten Bremsen warnen, es werden sicher ständig Räder angeboten werden. Der Preis ist einfach unschlagbar. Mehr dürfte das Rad aber auch nicht kosten.

Mein Resümee:

Nur für Neugierige und Bastler – ansonsten lieber nicht. Die spürbare Reibung macht keinen Spaß und bei Defekten wird es ganz, ganz übel.